Warum wir mehr über sexuell bertragbare Krankheiten sprechen sollten


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Gesellschaft STI auf Instagram

Warum wir mehr über sexuell übertragbare Krankheiten sprechen sollten

| Lesedauer: 4 Minuten

Wenn wir über Sex sprechen, dreht es sich meist um Leidenschaft und Spaß. Über negative Konsequenzen wie sexuell übertragbare Krankheiten wird gern geschwiegen Wenn wir über Sex sprechen, dreht es sich meist um Leidenschaft und Spaß. Über negative Konsequenzen wie sexuell übertragbare Krankheiten wird gern geschwiegen

Wenn wir über sex sprechen, dreht es sich meist um Leidenschaft und Spaß. Über negative Konsequenzen wie sexuell übertragbare Krankheiten wird gern geschwiegen

Quelle: picture alliance / VisualEyze

sex ist kein Tabuthema mehr. Sexuell übertragbare Krankheiten schon. Auf Instagram versuchen Aktivistinnen nun, junge Leute besser aufzuklären – und ihnen die Scham vorm Gang zum Arzt zu nehmen.

Über Sex spricht man nicht, man hat ihn oder halt nicht: dieser Satz trifft zum Glück schon lange nicht mehr auf den Diskurs um Sexualität in westlichen Ländern zu. Auf Instagram teilen Influencer ihre Erfahrungen mit den neuesten sex-Toys, Paare erzählen offenherzig über ihre gemeinsamen Besuche im Swinger Club und Dating-Apps ähneln einem Selbstbedienungsbuffet für jegliche sexuellen Vorlieben.

Man spricht über sex, ob man welchen hat, wie und mit wie vielen. Was allerdings immer noch ein Tabuthema ist: sexuell übertragbare Infektionen (STI). Der öffentliche Diskurs fängt Geschlechtskrankheiten kaum ein. Dabei erkranken jedes Jahr Tausende Menschen in Deutschland an ihnen – und die Zahl steigt. Das zeigen zumindest die der Meldepflicht unterliegenden Erkrankungen Syphilis und HIV. Die Zahl der Menschen mit einer HIV-Infektion in Deutschland ist laut Robert Koch-Institut (RKI) bis Ende 2018 auf 87.900 gestiegen, 2010 waren es noch um die 70.000 Fälle. Auch die Syphilis-Fälle steigen. Im Jahr 2019 wurden 7473 Infektionen gemeldet, seit 2010 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt.

Tendenz steigend

Der Erreger der Syphilis ist Treponema pallidum: Die Zahl der bestätigten Syphilis-Fälle in Europa hat sich in den vergangenen Jahren stark erhöht

Doch so wie sich das Verständnis von Sexualität in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert hat, bilden sich auch neue Möglichkeiten heraus, über sex aufzuklären – etwa in den sozialen Netzwerken. So informiert die in Berlin lebende Aktivistin und Künstlerin Anna Wim auf ihrem Instagram-Kanal über Geschlechtskrankheiten. Nebenbei schreibt die Gender-Studies-Studentin ihre Masterarbeit über den Zugang zu STI-Tests für lesbische Frauen in Berlin. „Es muss sichergestellt werden, dass Informationen über sexuell übertragbare Krankheiten besser in die Öffentlichkeit getragen werden“, sagt sie.

Instagram-Accounts wie der von Wim sind noch immer eine Rarität. Doch es gibt sie, zumeist im englischsprachigen Raum. Die lesbische Autorin Molly-Margaret Jonson klärt in ihren Storys etwa über Pilzinfektionen auf. Auch die Sexologin Emily L. Depasse nutzt Instagram als Sprachrohr, um auch Menschen außerhalb von weißen Praxiswänden zu erreichen. Auf Infografiken klärt sie ihre 25.000 Follower rund um Geschlechtskrankheiten auf.

Mit ihren Instagram-Inhalten trifft Wim also einen Nerv. So berichtete sie etwa ausführlich darüber, wie sie ihre Gonorrhö-Infektion behandeln ließ – ein Post, auf den sie immenses Feedback erhielt. Nutzer erzählten ihr etwa, dass dieser Post sie dazu veranlasst habe, sich zum ersten Mal testen zu lassen. „Das hat mich unfassbar berührt und mir gezeigt, dass meine Arbeit wichtig ist“, sagt die Aktivistin. Auch auf Bundesebene wird daran gearbeitet, dass mehr Aufklärung rund um sexuell übertragbare Krankheiten betrieben wird. Im Bundesgesundheitsblatt von 2017 nennt das RKI dafür konkrete Maßnahmen wie die gezielte Aufklärung in Schulen und breit angelegte Plakatkampagnen wie die Liebesleben-Kampagne des Bundesamtes für gesundheitliche Aufklärung.

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„Auch das Gesundheitssystem kann dazu beitragen, dass die Zahlen sinken. Es könnte zum Beispiel einen generellen STI-Check-Up geben. Das könne dazu beitragen, dass diese Krankheiten entstigmatisiert werden“, sagt Wim. Außerdem sollten Menschen bereits im jungen Alter die Scham genommen werden, über Geschlechtskrankheiten zu reden. Dazu sollte im Unterricht keine Angst um die Krankheiten geschürt, sondern pragmatisch vermittelt werden, dass man an diesen erkranken, sie jedoch einfach behandeln kann. „STI sind nicht schlimmer als eine Erkältung, wenn man sie rechtzeitig erkennt.“

Warum aber ist der gesellschaftliche Umgang mit sexuell übertragbaren Krankheiten immer noch so zögerlich? Das könnte auch an der Art liegen, wie sich der Diskurs über Sexualität geöffnet hat. „Die Gespräche über Sexualität handeln meist von Leidenschaft und Spaß, sex wird nicht in seiner Komplexität gesehen. Dazu gehören nun mal auch sexuell übertragbare Infektionen“, sagt Wim. „Wir haben immer noch die Vorstellung, dass Genitalien etwas Schmutziges sind, über das man nicht sprechen sollte.“

Das Stigma um sexuell übertragbare Krankheiten und die damit verbundene Hemmung, über sie zu sprechen oder sich gar testen zu lassen, mag auch ein Grund sein, warum die Zahl der Infektionen steigt. „Nutzer schreiben mir, dass sie diese und jene Symptome haben, aber es ihnen peinlich ist, darüber mit anderen zu sprechen“, erklärt die Influencerin. Um die Verbreitung von sexuell übertragbaren Infektionen zu verringern, ist es also zunächst notwendig, diese als Teil von menschlicher Sexualität zu akzeptieren.

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