Münchner Spaziergang: Zeit für Straßen-Tind


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Münchner Spaziergang:Zeit für Straßen-Tinder

Auf den Bürgersteigen fehlt ein gewohntes Bild: Glockenbachianer, die auf Displays schauen. Geht nicht, man muss ja Corona-Abstand zu anderen halten. Das aber eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Kolumne von Philipp Crone

Der Bäcker im Glockenbach braucht Mehl. Am Morgen um kurz vor sieben steht er vor dem Supermarkt nebenan. Mehl ist alle. Der Mann geht in seine Bäckerei zurück und umkurvt dabei ein paar gefrorene Hundehaufen. Noch ist zwar Mehl da, aber er wollte außer der Reihe Osterlämmer backen. Er lächelt. Egal, dann vielleicht keine Osterlämmer.

Auf einem Rundgang durch das Viertel kommt man nicht nur an 16,5 Hundehaufen vorbei (für einen sohlenverschmierten gibt es nur die halbe Wertung), sondern kann auch viel Ungewohntes erleben, noch Ungewohntes. Im Arena-Kino hängt ein Plakat über den Film “New York”, illustriert unter anderem mit einem Schild und der Aufschrift “Dead End”. Es ist wie an so vielen Stellen, manches wirkt jetzt makaber, unfreiwillig komisch. Auch der Blick auf eine Litfaßsäule: was man alles hätte sehen oder hören können, da klingt selbst die Solo-Orgel-Fantasie reizvoll.

Ein gewohntes Bild fehlt auf den Bürgersteigen: Glockenbachianer, die auf Displays schauen. Geht nicht, man muss ja auf den Abstand zum Gegenverkehr achten. Vielleicht hat ja dadurch das Fensterln wieder Renaissance. Wer nicht aufs Handy schaut, sieht Menschen in der Straße. Und wer zu Hause ist, schaut häufiger aus dem Fenster. Und zack: It’s a match. Straßen-Tinder. Der Kurzratsch von unten hoch in den ersten Stock – ein wunderbarer Ausgleich für die Nackenmuskulatur, nach Jahren der Handy-Haltung.

Auf dem Viktualienmarkt gibt es am Saftstand der Hauptgasse den Drink Karibiktraum. Immerhin ein Saft, wenn schon kein Strand. Wahlweise auch einen mit Fenchel, “Anti-Aging”. Wer weiß, wie lange man hier noch coroniert ist. Und sie haben die Faschingskonfetti zwischen den Kopfsteinen noch nicht weggefegt, bunte fröhliche Schnipsel aus einer anderen Zeit.

Bleibt die Frage nach den vielen Hundehaufen in der Isarvorstadt. Das sind sicher die vielen Neu-Hundehalter, die jederzeit mit gut sichtbarer Berechtigung raus wollen, aber ihr Haustier noch nicht abgerichtet haben.

 

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